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Eva und Helmut auf Laufkreuzfahrt in der Karibik

2011_karibikWer glaubt, das sei ein Widerspruch, sollte eine Kreuzfahrt mit Björn Grass unternehmen. Björn Grass, noch nie gehört? Vielleicht kennt ihn der eine oder andere „Ultra“. Kurt Stenzel kennt ihn auf jeden Fall. Schließlich war Björn schon Deutscher Vizemeister über 100 km im Bahnlauf und hat einige teils skurille Weltrekorde auf seinem Konto. So zum Beispiel  Weltbestzeiten  über die Marathondistanz und 50 km auf offener See an Deck des größten Kreuzfahrtschiffes der Welt. Bedenkt man, dass man in einer Richtung immer Gegenwind hat und der Kurs nicht unbedingt Bestzeit geeignet ist, sind „2:48:24 Stunden für einen Marathon eine tolle Leistung. Ganz ausgefallen seine über 17.000 Höhenmeter in 24 Stunden oder seine zwei 100-Meilenläufe innerhalb einer Woche, was ihm bisher kein Mensch auf der Welt nachgemacht hat.

Doch zur Reise selbst: Eva hat das Angebot bei Tchibo entdeckt und zunächst nur Skepsis von mir geerntet. Fast zwei Wochen auf einem Luxusliner, Krawattenzwang und fette Ami-Weiber. Doch meine Vorurteile schwanden bald. Wunderschöne Kabine mit Balkon, zahlreiche Restaurants, Buffets auch mit  Selbstbedienung, Fisch, Fleisch, Shushi, Vitalkost, Pasta, Pizza, Tappas und das alles ohne Abendrobe.

Unser Tag begann schon vor 7:00 Uhr mit einer Runde schwimmen und kleinem Frühstück am Wellness-Buffet. Um 8:00 Uhr von Bord und Treffen  mit 24 Gleichgesinnten zum „Wettkampf“. Es gab auf jeder Insel – also jeden Tag - eine GPS-vermessene Strecke, gut markiert mit Streckenposten und Verpflegungsstellen, Gepäcktransport zum Ziel und jede Menge Fotografen, die die Läufer in jedem Zustand aufs Bild bannten. Selbstverständlich gab es auch eine Altersklassenteilung. Die Streckenlängen zwischen 5 und 9 km hören sich nicht gerade ultramäßig an; doch Temperatur, Luftfeuchtigkeit und die eine oder andere Steigung (sogar ein richtiger Berglauf war dabei)  verdoppelte leicht die gefühlte Distanz. Während der 12-tägigen Reise gab es Läufe auf Puerto Rico, St. Croix, St. Kitts, Dominica, St. Lucia, Barbados, Curacao und Aruba.  „Achim Achilles“ („Achilles Ferse“) hat diesen Trip mit Björn Grass im letzten Jahr schon genossen und beschrieb seine Erlebnisse so:

„Zechende Amerikaner sind die Bewohner gewohnt. Tag für Tag fallen diese in Schiffsladungen über die kleine Karibikinsel her und kaufen die Schnapsläden leer. Deutsche in klatschnassen Sportklamotten sind dagegen etwas Neues - weshalb die Leute irritiert in unsere roten Gesichter glotzen, als wir zum Karibik-Etappenlauf starten, einer Mini-Rennserie auf den Antillen, inklusive Kreuzfahrt. Unterhalb der Straße, die wir zwei Dutzend Läufer entlang zuckeln, liegt ultramarinblaues Meer vor einem hollywoodtauglichen Sandstrand. Das Rennen führt über vermeintlich läppische fünf Kilometer, schafft es aber locker in die Top Ten meiner härtesten Läufe. Es ist klebrig heiß, mein Atem rasselt, es tut verdammt weh. Vor allem, weil ich Vollhorst mir die erste Blase schon vor dem Rennen geholt habe - beim Stadtbummel in Flip Flops. Trotzdem macht der Lauf durch die exotische Botanik irrsinnigen Spaß.“

„Dominica ist vermutlich die meist unterschätzte unter den Karibikinseln - weil sie genau null Meter Sandstrand hat. Dafür gibt es auf der Vulkaninsel einige spektakuläre Berge. Und einen davon müssen wir auf der zweiten Etappe hinauf. Bei der ersten Steigung denke ich noch: ach wie niedlich. Bei der zweiten stoße ich Flüche aus. Und als die Anstiege immer knackiger werden und die Sonne immer gnadenloser glüht, legt sich in meinem Kopf der Angst-Schalter um: Was ist, frage ich mich, wenn ich unter der Palme dort vorne zusammenbreche? Ich sehe mich schon zwischen verrottenden Kokosnüssen einen einsamen, unnötigen Läufertod sterben.“

„Der Schriftsteller David Foster Wallace hat Kreuzfahrtschiffe mal mit schwimmenden Wal-Marts verglichen. Am Frühstücksbuffet unseres Schiffs, der "Carnival Victory", herrscht Verdrängungswettbewerb wie beim Schlussverkauf. Ich verdrücke Rührei und Grapefruit, dann geht es von Bord, zum Strandlauf auf Barbados. Ich watschele heute so langsam, dass mir Helge, der freche Fotograf, hinterher Walking-Stöcke ins Rennfoto montiert. Aber auch die anderen haben mit der Hitze zu kämpfen. Im Ziel blicke ich in Gesichter von so ungesunder Farbe wie man sie sonst nur nach Zapfenstreich auf dem Oktoberfest sieht.“

„Im Hafen von Castries, der Hauptstadt von St. Lucia, schaukelt der Zweimaster "Unicorn", das Piratenschiff auf dem Johnny Depp beim Dreh zu "Fluch der Karibik" herumturnte. Der Fluch der Karibik lastet auch auf der heutigen Etappe. Denise fällt mit Erkältung aus, Ursula muss wegen Knieschmerzen aufgeben, der wackere Rest kämpft sich erst zu einem Leuchtturm hinauf und umrundet dann eine elend lange Flugpiste. Auf der schattenlosen Strecke fühle ich mich wie ein Ei auf der Pfanne, die Haut verkohlt, die Eingeweide glibbern. Persönliche Bilanz: eine indiskutable Zeit und die nächste Blase.“

„Wahrscheinlich vermuten die Leute, unsere Hechelgruppe sei eine Kolonne Strafgefangener, zum Frühsport abkommandiert. Und damit liegen sie gar nicht so falsch, sühnen wir doch für all die Bagels, Burger und Buttercremetorten, die wir uns an Bord auf den Ranzen klatschen. "All inclusive"-Reisen sind für Läufer eigentlich zu meiden wie Gelsenkirchen für Dortmunder. Etappenziel ist heute eine Strandpinte mit dem verheißungsvollen Namen "Rainbow Bar". Kneipenwirt Michael, ein pummeliger Kanadier, schenkt Rum-Punsch aus. Wirkt total isotonisch, das Zeug.“

Fazit: „Der Karibiklauf ist nichts für Bestzeitfetischsten oder schlampig trainierte Läufer. Wer hier startet, sollte wirklich fit sein, am besten unterhalb der Altersklasse Krampfader liegen und weder Sonnenstich noch die spätrömische Dekadenz eines Kreuzfahrtschiffes fürchten. Dann wird es schrecklich amüsant.“

Alles in allem war es für uns ein grandioses Erlebnis, ein bisschen Karibik, „laufend zu entdecken“. Auch für den der läuferisch eigentlich schon alles gemacht hat eine echte Empfehlung. Wer mehr wissen will guckt sich die Homepage von Björn Grass an:

www.bjoerngrass.com

Er hat uns übrigens angeboten, dass Spiridonis einen kleinen Nachlass von 50,-€ pro Person erhalten, wenn sie sich mit dem Kennwort „Spiridon Frankfurt“ anmelden.

Helmut Kleinschmidt