Graubünden MarathonSommerschwüle in der Fußgängerzone und Regentropfen auf dem Gipfel
Der 12. Graubünden-Marathon am 28.06.2014
Welch kleine, aber feine Veranstaltung der Graubünden-Marathon ist, spüre ich am Vortag, als ich in Chur den Postbus nach Lenzerheide besteige. Als ich dem Fahrer beim Einsteigen mein im Teilnahmebeitrag enthaltenes Marathon-Busticket präsentiere, sprechen mich zwei Mitreisende, die die Szene beobachtet hatten, voller Freude mit den Worten an: „Da sind ja außer uns doch noch andere Läufer unterwegs.“ Sie erzählten mir dann, sie seien jetzt stundenlang durch die Hauptstadt von Graubünden gegangen und hätten nirgends einen Hinweis auf den Marathon am Folgetag gesehen, nur einige Plakate für den vier Wochen später ebenfalls in diesem schönen Schweizer Kanton stattfindenden swissalpine in Davos.

Eher einsam war’s dann auch bei der Startnummernausgabe spätnachmittags in der Schule von Lenzerheide – aber selbstverständlich schweizerisch perfekt organisiert. Als ich dann am Samstagmorgen gegen 7:15 Uhr an der Bushaltestelle eintreffe, stehen dann aber doch schon einige Läufer da und warten auf den Sonderbus zum Start nach Chur. Daß es dann auch nach mehreren Zwischenhalten keine Stehplätze auf dem Weg nach Chur gab, lag an der großzügigen Planung der Schweizer Postautos, die einen zusätzlichen Doppeldecker-Reisebus für den Kurs eingesetzt hatten. Am Start in der Public Viewing-Arena am Churer Theater fanden sich dann doch ca. 400 Läufer und Läuferinnen ein. Die meisten wiesen sich durch ihre roten Startnummern als Marathonis aus. Einige andere waren an ihren blauen Startnummern als 20-Miles-Läufer zu erkennen, die uns auf den ersten 20 Meilen (ca. 31 km) bis Lenzerheide begleiten würden, um dort den Lauf vor der zweiten großen Steigung zu beenden.

Bei schwülen 20°C fällt dann um 9:15 Uhr der Startschuß und los geht es zunächst fast eben durch die Fußgängerzone der Kantonshauptstadt. Ein wirkliches Gedränge gibt es selbst beim Start kaum und die besondere Herausforderung auf dem ersten Streckenteil besteht lediglich darin, den Lauf nicht zu einem Hürdenlauf über die zahlreichen in der Sonne aufgestellten Auslagen und Werbeaufsteller der angrenzenden Geschäfte werden zu lassen. Doch schon bald verlassen wir Chur auf der Straße an der Plessur entlang, wo es zunächst noch sanft ansteigt. Bald ist das Ende der geteerten Straße erreicht und wir laufen auf einem Sonnenhang den Berg hoch und in den Wald. Am Kurhaus Passugg dann die erste Verpflegungsstelle, an der aufgrund der schwülen Witterung besonders das Wasser sehr gefragt ist. Dann folgt der erste kurze Trail und mit ihm für mich und die meisten anderen der erste Geh-Abschnitt.

Danach geht es erst mal wieder in angenehmer Steigung weiter durch den Wald auf einem Forstweg, bis wir vor einer Baustelle auf einen schmalen und steil abwärts führenden Trail „ausgeleitet“ werden. Was steil abwärts führt, führt dann auch bald wieder steil aufwärts – schließlich wollen wir ja eigentlich nach oben – und bald wieder mit angenehmer Steigung weiter durch Wald und Flur. Schon rückt in der Ferne hoch oben der Kirchturm von Churwalden ins Blickfeld. Dort erreichen wir wieder die Straße und erleben für etwa einen Kilometer so etwas ähnliches wie Stadtmarathon-Feeling. Dann geht es auf einem kleinen Anliegersträßchen, das mir zu steil zum Laufen und zu flach zu Gehen ist, weiter aufwärts und ich habe erstmals auf der Strecke auch die Gelegenheit, das Parpaner Rothorn, mein heutiges Ziel in Augenschein zu nehmen. Nach den von mir geplanten ca. 2:20 h erreiche ich bei km 17,5 Foppa und damit das Ende des ersten großen Anstiegs (ca. 1200 Höhenmeter) und es geht erst mal abwärts und dann eben weiter nach Parpan, wo wir wieder die Nationalstraße erreichen, neben der es auf einem Trail im Wald den kleinen Hügel nach Valbella hinauf geht. Irgendwo dort bei km 24 laufe ich eine Weile mit einem anderen Läufer, der nach einem Blick auf die Uhr meint: „Die ersten 3 Stunden haben wir, jetzt nochmal 3 Stunden, dann sind wir oben.“

So war auch mein Plan, doch ich hatte schon so eine Ahnung, daß das vielleicht nichts werden könnte. Nun folgt der längste flache Streckenabschnitt rund um den Heidsee und – schon etwas welliger - nach Lenzerheide. Dort, am Ende der Runde um das Schulhaus, bleiben dann nur noch wir Träger einer roten Startnummer im Rennen. Allerdings auch nicht alle von uns, weil der Veranstalter allen Marathonis den Ausstieg in Lenzerheide und die Wertung mit den 20-Miles anbietet. Nach beinahe 3:45 h, und somit wenige Minuten später als ich das eigentlich geplant hatte, verlasse ich Lenzerheide bergwärts. Jetzt sind es „nur“ noch 11 km und gute 1400 Höhenmeter. Die nächste Verpflegungsstelle trägt den bezeichnenden Namen „Wasserfall“. Diesen sieht man zwar nicht von der Verpflegungsstelle, aber man spürt auf dem Weg dorthin sehr deutlich die topographischen Eigenheiten des Geländes an einem Wasserfall: Es ist steil, sehr steil, extrem steil. Und weil ich diesen steilen Abschnitt vielleicht doch etwas zu euphorisch schnell angegangen bin, mache ich erst mal etwas Pause, trinke und trinke, esse Salzstangen und erwische noch das letzte Basler Leckerli. Das baut mich für die weitere Wegstrecke wieder auf und ich trabe weiter auf einem rustikalen, aber meist fast ebenen Pfad.

Dann, fast schon unerwartet früh, taucht hinter den letzten Tannen die Mittelstation Scharmoin auf, km 36 und ich erkenne, daß ich nun im Mittel nur noch mit 15 min/km unterwegs bin. Nach der Verpflegung dort geht es noch einige hundert Meter im Laufschritt fast eben, bevor ich dann für beinahe den gesamten Rest der Strecke ins Gehen verfalle. Es geht immer weiter aufwärts auf zwar steinigem, aber im Grund gut planiertem Weg durch das Skigebiet. Wie ich so im Gefühl, schon mindestens die Hälfte der Höhenmeter zwischen Scharmoin und dem Gipfel zu haben, aufwärts schlendere, fällt mir auf, daß sich die beiden Kabinen der Luftseilbahn einige zig Höhemeter oberhalb von mir treffen. So viel also zum Thema „Freudsche Höhenverschätzer“. Bei diesen Betrachtungen fällt mir auch auf, daß sich der blaue Himmel zwischenzeitlich doch stark verdunkelt hat und ein zunächst noch laues Lüftchen zu wehen beginnt. Auf dem langen Anstieg in der Westflanke des Parpaner Rothorns zur Verpflegungsstelle Foil Cotschen denke ich sehr ernsthaft darüber nach, meine Windjacke, die ich in weiser Voraussicht noch in letzter Minute im warmen Chur umgebunden hatte, anzuziehen. Gefühlt müßte ich dort dann schon fast die Höhe des Ziels erreicht haben. Als ich dann allerdings im allmählich kälter werdenden Wind an der Verpflegungsstelle stehe und zum ersten Mal um den Berg herum und später dann auch wieder zum Gipfel blicken kann, muß ich feststellen, daß da auf den letzten beiden Kilometern doch noch ein paar Höhenmeter (es sind noch ziemlich genau 400, d.h. ich habe auch schon 2300 hinter mir) auf mich warten.

So ziehe ich dann doch noch meine Windjacke an, in der ich trotz der großen Steigung nicht mehr schwitze, da der Wind immer kälter wird und auch die ersten Regentropfen für Abkühlung sorgen. Während sich die Serpentinen jetzt wie Kaugummi ziehen, beschäftigt mich die Frage, wie schnell der Fön wohl vollends zusammenbricht und wann es dementsprechend dann wohl heftig schütten wird – vor oder nach meinem Zieleinlauf? Zum Glück trägt der Wind immer mehr Sprachfetzen des Zielsprechers in meine Ohren und so biege ich schließlich um die letzte Kurve und laufe die letzten Höhenmeter wieder im Laufschritt nach 6:28:10 ins Ziel. Dort weiß ich zunächst nicht so recht, worüber ich mich am meisten freue: einfach darüber, im Ziel zu sein, über die Medaille, die heiße Boullion, die warme Wolldecke, die mir gleich übergeworfen wird, oder darüber, daß der Regen gewartet hat, bis ich im Ziel war.

Michael Spreng